Nascente Viva

Die Gemeinde Jaguapirú-Bororó

Schatten der Vergangenheit, Herausforderungen der Gegenwart – in keinem Reservat Brasiliens leben so viele Indigene wie hier.

Anfang des vergangenen Jahrhunderts beschloss der brasilianische Staat, das Landesinnere wirtschaftlich zu erschließen. Die Folge waren gewaltsame Konflikte und die systematische Verdrängung der ursprünglichen Bevölkerung. Traditionelle Lebensräume wurden durch die Ausdehnung von Landwirtschaft und Viehzucht zerstört – mit verheerenden Folgen für Biodiversität und Ressourcenschutz.
Der Staat reagierte mit der Einrichtung von Reservaten durch den damaligen Serviço de Proteção aos Índios (SPI), die erste offizielle Regierungsbehörde für indigene Angelegenheiten. Ihr erklärtes Ziel: Schutz und Sicherung der Landrechte – in der Praxis jedoch vor allem die Assimilierung der Indigenen in Landwirtschaft und Handwerk. 1917 wies das Landesdekret 401 den Bewohnern der Dörfer Jaguapirú und Bororó ein begrenztes Stück Land zu. Seitdem trägt das Gebiet offiziell den Namen Reserva Indígena de Dourados (RID). Seine Bewohner nennen es die Gemeinde Jaguapirú-Bororó. 1965 wurde das Gebiet endgültig legalisiert. Es liegt im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul.
Im Laufe der Jahrzehnte verkehrte sich der humanitäre Anspruch des SPI in sein Gegenteil: Korruption, Misswirtschaft und in den 1960er-Jahren schwerwiegende Berichte über Menschenrechtsverletzungen, Zwangsarbeit und Krankheiten führten 1967, während der Militärdiktatur, zur Auflösung der Behörde. Nachfolgerin wurde die FUNAI (Fundação Nacional dos Povos Indígenas), die bis heute für die Belange der indigenen Bevölkerung zuständig ist.


Leben auf engem Raum
Heute leben auf den 3.474 Hektar des Reservats über 20.000 Menschen – rund 18 Prozent der indigenen Bevölkerung des Bundesstaats –, insbesondere Guarani, Kaiowá und Terena. Neben der Stadt Dourados gelegen, wurde das Reservat zu einem der ersten und größten „urbanen“ Indigenen-Reservate Brasiliens. Die hohe Bevölkerungsdichte auf begrenztem Gebiet hat die ökologischen Ressourcen erheblich belastet, soziale Spannungen verschärft und die Möglichkeiten einer ökologischen Bodennutzung nahezu zunichtegemacht.
Die Auswirkungen von Gewalt und Zwang, die diese Menschen über Generationen erleben mussten, prägen das Leben im Reservat bis heute.

Sozioökologische Situation
Die Lage der Gemeinde Jaguapirú-Bororó ist alarmierend:

  • Ökologische Zerstörung: Historische Entwaldung, Bodendegradation, Verschlammung von Flüssen und der Verlust der Artenvielfalt gefährden die Ernährungssicherheit und die traditionellen Lebensweisen. Was einst ein Raum natürlichen Artenschutzes war, ist heute ökologisch weitgehend degradiert – mit direkten Folgen für den Klimaschutz, denn intakte Ökosysteme sind unverzichtbare Kohlenstoffspeicher.
  • Wassermangel: Chronischer Mangel an Trinkwasser führt zu einer Notversorgung durch Tankwagen und erzwingt eine demütigende Abhängigkeit. Die fortschreitende Klimaveränderung verschärft das Problem – Klimaanpassung ist hier keine abstrakte Forderung, sondern eine Überlebensfrage (Quelle).
  • Fehlende Infrastruktur: Unzureichende sanitäre Einrichtungen, fehlende Kanalisation und mangelnde Müllentsorgung erhöhen das Risiko von Infektionskrankheiten. Über zwei Drittel der Haushalte haben kein Badezimmer. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu Elektrizität.
  • Armut: Über 50 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als einem Viertel des Mindestlohns. Laut dem Zensus 2022 des IBGE erhalten 57,3 Prozent der indigenen Erwerbstätigen in Brasilien höchstens einen Mindestlohn (Quelle). Besonders betroffen sind Frauen, die häufig weder über eigenes Einkommen noch über Mitbestimmung verfügen.
  • Soziale Verwundbarkeit: Alkoholismus, Drogenkonsum und häusliche Gewalt sind Teil eines Alltags, der von Perspektivlosigkeit geprägt ist. Frauen und Mädchen tragen dabei eine doppelte Last – als Betroffene und als diejenigen, die das soziale Gefüge zusammenhalten.

Aufgaben für eine lebenswerte Zukunft

  • Zugang zu Bildung und Arbeit schaffen, um Perspektiven jenseits der Abhängigkeit zu eröffnen.
  • Überwindung prekärer Arbeitsverhältnisse – etwa in der Zuckerrohrernte oder Fleischverarbeitung –, die an koloniale Ausbeutungsmuster erinnern.
  • Aufbau einer funktionierenden Abwasserentsorgung, Gesundheits- und Sozialversorgung.
  • Schutz vor dem zunehmenden territorialen Druck durch landwirtschaftliche und städtische Expansion – verbunden mit einem konsequenten Ressourcenschutz.
  • Förderung von Geschlechtergleichheit und Frauen-Empowerment als Schlüssel zu einer gerechteren Gemeinschaft.
  • Wiederaufbau der Biodiversität und Einführung ökologischer Bodennutzung, um Ernährungssouveränität und Artenschutz miteinander zu verbinden.
  • Entwicklung von Maßnahmen zur Klimaanpassung, die auf dem traditionellen Wissen der indigenen Gemeinschaften aufbauen.
  • Integrierte Strategien für eine selbsttragende sozioökologische Regeneration – gemeinsam mit den Menschen vor Ort.


Die Gemeinde Jaguapirú-Bororó braucht keine Almosen. Sie braucht Partner, die an eine Zukunft glauben, in der indigenes Wissen, Klimaschutz und ökologische Verantwortung zusammenfinden.